Samstag, 1. November 2008
Eine neue Welt
Halloween hat Spaß gemacht! Dadurch, dass es an einem Freitag lag und das Wetter hier ausgesprochen mild war, wurde es ein richtiges Bilderbuch-Halloween: Am Nachmittag haben wir noch schnell zwei Kuerbisse bearbeitet. Meiner sieht ganz gut aus und fand seinen Platz vor der Eingangstuer. Danach gab's ein Sueppchen fuer die ganze Familie, worauf der Kleine mit seinem Freund zum Trick-or-Treaten losgeschickt wurde. Danach schmissen sich auch die Erwachsenen in ihre Kostueme und wir gingen zur Party einer Kollegin. Dort war bereits ihr Freund als Osama "Bin Hidin" verkleidet, andere als Footballspieler, Cowboy oder pleitegegangener Investmentbanker. Das kleine Häuschen befand sich in perfekter Trick-or-Treat-Lage, sodass zwischen 7 und 8 putzig verkleidete Kinder im Akkord erschienen. Die Tuerglocke ging unentwegt. (Ich glaub uebrigens, alle Tuerglocken in Amerika klingen gleich - naemlich mit einem traditionellen Ding Dong.) Zwischenzeitlich uebernahm ich, der Jedi-Ritter mit seinem schwarzen Umhang, den Part des Candy-Verteilers. Manche Kinder waren schon mit einem Lolli zufrieden, andere waren eher wählerisch und suchten sich aus dem großen Vorrat das beste aus. Die Eltern standen in Sichtweite am Straßenrand und winkten freundlich zurueck, wenn ich mit den Kindern scherzte und ein "Happy Halloween" auch zu ihnen rueber rief. Allerdings musste ich bei den ganz Kleinen noch lernen: Als ich einem winzigen Was-auch-immer-Monster die fuer das Alter falsche Sueßigkeit gab, antwortete mir die daneben stehende Mutter "Ich wuerde ihm das noch nicht geben. Er ist ja erst zwei." - und fischte sich das passende Kaubonbon heraus, nicht ohne sich noch einen Lutscher fuer ihren Einjährigen zu angeln, der im Kinderwagen abgeparkt war. Happy Halloween!
Auch auf der Party wurde natuerlich die Wahl besprochen. Ich lernte einen interessanten Menschen kennen, der Anfang der 70er noch per Einberufungsbefehl nach Vietnam musste, dort so schlimm verwundet wurde, dass er wieder zusammengeflickt werden musste und monatelang in Militärkrankenhäusern lag. Heute ist er schwerbehindert, trägt einen Herzschrittmacher, der konstant 80 schlägt - und sehnt sich nach einem Neuanfang mit Obama. Seine Stimmung ist stellvertretend fuer die amerikanische Mehrheit: Keiner kann sich erinnern, dass jemals so viele Hoffnungen in einen neuen Praesidenten gesetzt wurden wie dieses Mal. Am Dienstag wird man hier sagen «Es ist, als habe jemand die Fenster aufgestoßen … nach Dumpfheit und Mief, Phrasengewäsch, bürokratischer Willkür und Blindheit.» Das sagte Stefan Heym am 4. November 1989. Ähnlich ist die Situation heute: Hier ist ein Land mit riesigen Problemen und ebenso grossen Hoffnungen.
Die Neue Welt hat die Chance, wieder eine neue Welt zu werden.

Ich fliege derweil morgen zurueck in die Alte Welt, nach der man von hier mehr als nur neidisch schaut: sei es wegen des Reichtums an Kultur und Geschichte, der Weltoffenheit und Vielfalt, des Sozialstaates, des Mehr-als-nur-Zweiparteiensystems, der Frauen, die auch mit dreißig noch schlank sind, der schnellen Autobahnen, des besseren Bieres ... oder einfach nur wegen unserer Schokolade.

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