Mittwoch, 29. Oktober 2008
Eingesperrt
Littleton ist ein Vorort von Denver. Was an der Columbine High School im April 1997 dort passierte, ist weltweit bekannt.
Feueralarm probt man seitdem an amerikanischen Schulen nicht mehr: Heute wurden wir Zeugen der hier ueblichen Sicherheitsvorkehrungen im Falle eines Amoklaufs: Ein Lock-in wurde geprobt. Weil der letzte vor ein paar Monaten wohl nicht so reibungslos abgelaufen sein soll, legte man die Uebung dieses Mal absichtlich auf eine Pause, wo Schueler gewoehnlich von Raum zu Raum unterwegs sind.
Auf die Durchsage der Schulleitung hin mussten alle den naechstliegenden Raum aufsuchen, die Tuer abschliessen, das Licht ausmachen, alle Fenster verdunkeln und sich in einen Winkel verkriechen, in dem man vor moeglichen Schuessen durch Tueren und Fenster sicher ist.
Das ganze dauerte fuenf Minuten und war schon ein bissl gespenstisch. Wir hatten aber vorher davon zufaellig Wind bekommen, sodass die Aufregung ausblieb.

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Dienstag, 28. Oktober 2008
Ghost Town


Einst lebten hunderte von Goldgraebern mit ihren Familien hier oben in den Bergen bei Silverton. Heute sind nicht mal ihre Geister geblieben.
Aber wir waren dort - dank dreier schneidiger SUVs, die unsere Gruppe auf ueber 3.000 m in ein entlegenes Hochtal der Rockies brachten. Die Fahrt mutete fast schon wie die einer Blaumhelmkolonne an: weiße SUVs, die auf unbefestigter Straße stunde(n)lang durch wildes Terrain fahren und viel Staub aufwirbeln.
Die Ex-Goldgraeber- und Nicht-Geisterstadt Silverton hatten wir vorher besucht. Hierher kommen viele Touristen, viele mit einem Western-Zug aus Durango im Sueden, der von einer originalen Dampflok gezogen wird.
Wir ueberquerten auf unserem Weg nach Silverton den Red Mountain Pass auf dem Million Dollar Highway - dem Reschenpass unter den Rocky-Mountain-Straßen. Die Unterschiede: Wir mussten heute auf ueber 3.300 m hoch um ueber den Pass zu kommen - und unsere Passstraße (endlich mal drei s!) kam gaenzlich ohne Leitplanken aus. Nach dem American Way of Life ist ja ohnehin jeder fuer sich selbst verantwortlich. Warum also den vorm Absturz bewahren, der nicht fahren kann?

PS: Ich hab absichtlich geschummelt: In Silverton und seinen umliegenden Geisterstaedten gab's gar kein Gold, sondern 'nur' Silber - und das wurde tonnenweise gefoerdert. Daher auch der Name 'Silverton'. Aber 'Silbergraeberstadt' geht ja nicht. 'Silberbergbau' geht aber wieder (siehe Erzgebirge). Aber nicht Goldbergbau. Das klingt wieder komisch. Weil wir's bei uns daheeme vielleicht nicht kennen.
Ghost Towns wiederum haben wir nicht - kennen wir aber trotzdem. Komisch.

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Montag, 27. Oktober 2008
Wahlsonntag


Mein Kollege Mark saβ heute Nachmittag ueber eine Stunde am Kuechentisch. Er hat gewaehlt.
Was unsereins so im Vorbeigehen in der Mittelschule in der Virchowstr. erledigt, ist fuer Waehler in Colorado dieses Jahr ein wirklicher Wahlmarathon. Sie stimmen nicht nur ueber den kuenftigen Praesidenten ab und die Direktmandate fuer Senat und Repraesentatenhaus in Washington, sondern auch ueber alle moeglichen Posten im Staate Colorado sowie Abgeordneten und Richtern in Kreis und Stadt. Und dann sind da noch die Zusatzartikel zur Verfassung von Colorado, die es den Waehlern besonders schwer machen. Anstatt es einfach bei Gesetzen zu belassen, wollen bestimmte Initiativen ihre Interessen in der Landesverfassung festschreiben lassen. Ein Artikel ist besonders heikel: Kommt der durch, gilt in Colorado eine befruchtete Eizelle bereits als legale Person. Wohlgemerkt, auch in einem Reagenzglas! Wenn das dann noch zu sprechen beginnt, wird Goethes Homunculus-Vision Realitaet.
In anderen Artikeln dreht sich's um die Freiheit, in bestimmten Berufen den Gewerkschaften nicht beitreten zu muessen (wusste gar nicht, dass das bisher hier in manchen Jobs tatsaechlich so war), um Steuererhoehungen und Quotenregelungen bei der Vergabe von Studienplaetzen.
Der Wahlzettel ("Ballot") ist daher drei Seiten lang, dreispaltig und kleingedruckt. Mein Kollege brauchte das mitgelieferte Beiheft um seine Wahl gewissenhaft zu treffen. Wie Joe der Klempner oder sein Freund Joe Sixpack diesen Wahlzettel ausfuellen koennen, ist mir ein Raetsel.
Jedenfalls nutzen vier von fuenf Waehlern in Colorado diese Moeglichkeit der fruehzeitigen Stimmabgabe ("early voting") und lassen sich ihren 'Ballot' per Post zuschicken. Am Wahltag selber darf man naemlich nur 20 min in der Wahlkabine bleiben. Aber wie gesagt, fuer viele Buerger war bestimmt schon heute Wahlsonntag.
McCain und Obama tingeln derweil weiter durchs Land. Obama war in Denver und es erschienen so viele Leute wie letztmals 1993 beim Besuch Papst Johannes Pauls II.


Der Wahlzettel, Seite 1.
Wie man sieht: maschinenlesbar!
Na wenn das mal gut geht...


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